Donnerstag, 5. Februar 2015

Weltschmerz


Viele kleine Kinder haben Angst vor Monstern unterm Bett, dem Basilisken aus "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" oder der dich verschlingenden Dunkelheit.
Ich hingegen habe Angst gehabt, ja fast schon Panikattacken bekommen, wenn mein Vater nach der Arbeit die Abendshow geguckt hat und ich mit all den schlimmen Dingen konfrontiert wurde, die tatsächlich Tag ein, Tag aus in dieser großen weiten Welt geschehen.
Hunger, Not, Krieg, Katastrophen, Finanzkrisen, moderne Kreuzzüge und Menschen, die mit ihren Taten das "normale Leben" eines oder vieler Menschen aus dem Gleichgewicht bringen.
Bis heute steigt Übelkeit und Unbehagen in mir auf, wenn ich auf meine Gmx-Startseite gehe, aus lauter Angst welche Nachrichten mich heute erwarten würden.
Auf dem Weg zur Uni konfrontiert mich der U-Bahnfernseher mit, von dem IS, enthaupteten Journalisten, Flugzeugabstürzen über der Javasee, Massentierhaltungsskandale in China und all das vor und nach Bildern von missglückten Nasenoperationen und Botoxdisastern von C-Promis und einem Zitat eines Hollywoodschauspielers, das uns verrät wo er seinen Kaffee in Berlin am liebsten zu sich nimmt.
Zeichnung: Sinah Sidonie Jakobeit
Die Leute um mich herum, auch ich, schauen entgeistert hinauf zu den Bildschirmen, schlecht gelaunt, weil wir das unfassbare Pech haben uns um 7 Uhr morgens auf den Weg zur Uni oder zur Arbeit machen zu müssen. Der Kaffee schwappt bei jeder Anfahrt des Zuges über den Pappbecherrand und verbrüht mir die Hand. Der Mp3-Player zeigt blinkend an, dass der Akku die Fahrt nicht überdauern wird. Missgunst macht sich in mir breit und auch Demotivation, da bestimmt an diesem Morgen etwas ansteht, auf das ich keine Lust habe. Wieder ein Blick nach oben auf den Bildschirm. Ein Kind in Nigeria spielt Fußball im Schlamm, UNICEF ruft zu einer Spende auf. Mehr als 15 Millionen Kinder aus dem  Irak, Syrien, Gaza, Ukraine, Südsudan und der Zentralafrikanischen Republik brauchen unsere Unterstützung. Ich blicke auf meinen übergeschnappten Kaffee und habe ein schlechtes Gewissen. Dieser Kaffee, der mir eben noch meine Laune vermieste, weil er schlicht und einfach zu heiß ist, hat seinen Weg über eben jene Kinder auf dem Bildschirm, zu mir gefunden. Überarbeitet, schlecht bis gar nicht bezahlt,geprügelt und hungrig haben sie geschuftet, nur, damit er mir den Weg zu einem unterstützten und mehr oder minder gelbdringendem Studium erleichtert, das ich selbst gewählt habe. Sie kennen es nicht anders und das "Problem", das ich an diesem Morgen zu haben scheine, werden sie leider nie kennenlernen.
Wenn ich könnte, würde ich Millionen von Euro spenden, Schulen und Gewächshäuser bauen, Wasserleitungen legen und somit den Hunger in der Welt beenden. Doch ich kann es nicht und so wende ich den Blick vom Bildschirm ab, um wieder auf die blinkende Batterieanzeige auf meinem Mp3-Player zu starren.
In der Uni angekommen, treffe ich auf eine Gruppe Studenten, die mir lächelnd, aber energisch, einen Flyer in die Hand drückt. Sie möchten darauf aufmerksam machen, dass nicht alle, die den islamischen Glauben praktizieren, radikale sind. "Ich bin Charlie", klärt mich die Überschrift über das Hauptthema der Demonstration auf. Ich bin gerührt und überlege, mich nach meiner Vorlesung mit einem der Redner zusammenzusetzen und zu fragen was ich tun kann. Informieren ist der erste Schritt zur Besserung, zur Selbstreflektion und somit zu einem selbstbestimmteren Leben. Doch ich spüre einen Stich in meiner Magengrube.
Ich denke an Journalisten wie James Foley und Kenji Goto, die ihr Leben der Informationsvermittlung und Berichterstattung aus Krisengebieten widmeten, um unsere westliche Welt darauf aufmerksam zu machen, wie dankbar sie sein sollte und was abseits von Mode, Computerspielen und Raucherpäuschen, in der Welt geschieht und zu erinnern was wirklich für unsere Existenz von Bedeutung ist. Doch anstatt ihnen für ihren Kampf um Gerechtigkeit ein langes und zufriedenes Leben zu schenken, werden sie bestraft und jämmerlich enthauptet.
Zeichnung: Sinah Sidonie Jakobeit
Original: Jonathan Shapiro (Zapiro)
South Africa
Meine Betrübung wandelt sich brodelnd in dampfende Wut um. Ich stürme hinaus auf den Hinterhof, hinaus in die kalte Luft, und trete gegen einen Mülleimer. Verdutzte Blicke schauen mir dabei zu, wie ich mich keuchend, wie ein schreiendes Kind, dass im Supermarkt keine Schokolade bekommt, an dem armen Metallbehältnis abreagiere. Vor den Gaffern flüchtend, laufe ich weiter und lehne mich schwer atmend gegen eine Backsteinwand. Langsam gleite ich an ihr herunter und blicke prustend in den Schneematsch, meine Gedanken überschlagen sich. Was ist nur los mit dieser Welt, in der die einen alles haben und die anderen gar nichts. Wie kann es sein, dass Millionen von Euro in die Produktion von Louis Vuitton Taschen gesteckt werden, anstatt das Geld umzuverteilen, um somit ein jedem zu zeigen wie man sich ernähren und überleben kann. Wie kann es sein, dass Menschen ihr Umfeld, die Natur, die Tiere versklaven, zerstören und kontrollieren, ohne mit der Wimper zu zucken oder es zu hinterfragen. Wo kam auf einmal diese Gier der Menschen her, diese Intoleranz religiöser Parteien, Korruption, Neid und Hass. Und am aller schlimmsten: wie kann es sein, dass ich einer dieser Menschen werden konnte...
Ich könnte fortlaufen, wie Jean Baptiste Grenouille und mich jahrelang in einer Höhle verschanzen.
Ich könnte mir die Achselhaare bis zur Hüfte wachsen lassen und leise summend, in Embryonalstellung vor und zurückwippen, bis ich keinen Bezug mehr zur Realität habe und in meiner perfekten, kleinen, von Frieden erfüllten, Gedankenwelt lebe.
Doch was würde das Nützen? Ich bin nicht der Riese, aus der Telekom Werbung, der mit ein paar einfachen Handgriffen, die kleine Welt, in der er lebt, in eine ökologischere verwandeln kann. Ich habe nicht in Hogwarts Zauberei studiert und bin bisher noch nicht auf die Idee gekommen etwas zu erfinden, das mich zu Bill Gates macht. Aber auch, wenn ich all das nicht bin, so werde ich nicht zulassen den Gedanken "Ich kann ja eh nichts tun." auszusprechen und mich dadurch in einen, von meiner Gesellschaft kontrollierten, Spielball zu machen.
Wer weiß, ob ich je einen Weg finden werde, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, aber ich werde meine Augen nicht vor den Tatsachen verschließen, die uns umgeben. Denn auch, wenn die Nachrichten über jene, die es nicht so gut haben wie wir, deprimierend sind, so zeigen sie uns jeden Tag auf, wofür wir dankbar sein sollten. Und wenn diese Dankbarkeit, die Einsicht, wenigstens alle erreichen und erleuchten würde, hätte das ganze Leid wenigstens dann nicht einen, wenn auch nicht  ausreichenden und sicherlich nicht fairen, Sinn gehabt? Wenn wir alle aus dem schlechten lernen würden, hätte das dann nicht auch etwas Gutes?...

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