Sonntag, 24. März 2013

Gedankenströme: Abitur.. und jetzt?

Man quält sich 13 Jahre durch die Schule, um anschließend endlich frei zu sein und in Zukunft zu entscheiden
wofür man seine Nachmittage und Wochenenden zum Lernen verschwendet. Nie wieder Mathematik! Nie wieder Chemie! Man freut sich den nervigen, teils unfairen Lehrern den Rücken zuzuwenden und Schülern, die einen blöd behandelten den Stinkefinger zu zeigen. Den schnöden Schulalltag hinter sich zu lassen, den Druck, das System, den Rahmenplan, die Hausaufgaben. Man denkt nur: auf der Uni wird alles anders. Ich lerne etwas das mir Spaß macht, ich habe viel Freizeit und kann meine Kurse und Dozenten meistens selber wählen und ich lerne eine Menge neuer Leute kennen. Doch dann hält man glücklich sein Abiturzeugnis in den Händen und steht plötzlich mit weit aufgerissenen Augen vor diesem großen, bunten, verwirrendem Etwas, das sich Leben nennt. Die Möglichkeiten, auf die man sich 13 Jahre so sehr gefreut hat, überollen einen wie eine riesige, plappernde Lawine aus Druck und Anforderungen, Bedingungen und vor Allem Entscheidungen. Genau darum geht es nämlich fortan. Um etwas, das ein junges Schülerherz selten in diesem Ausmaße leisten musste: Entscheidungen treffen.
Am Anfang ist alles noch recht entspannt. Man fühlt Stolz, weil man so brav durchgehalten hat. Emotionen steigen auf, weil die ersten Freunde sich auf ein großes Abenteuer ins Ausland aufmachen, wozu man selber vielleicht nicht die Chance hat und ein wichtiger Abschnitt seines Lebens nun vorbei ist.
Man kann lange schlafen, bis spät in die Nacht wach bleiben und Folgen von sinnlosen Serien schauen, für die man während des Abiturs nie Zeit hatte. Man kann Sätze schwingen wie: "Als ich noch auf der Schule war...." oder seinen nun ehemaligen Lehrern E-mails schreiben, in denen man sie dutzen darf.
Ja, am Anfang ist das alles wirklich noch sehr spaßig. Doch bald schon beginnen die ersten Eltern ungeduldig zu werden. Sie erwarten von ihren Kindern die ersten Entscheidungen. "Mach dich mal nützlich!", "Such dir nen Job!", "Bewerb dich auf dein Studium!".
Diejenigen Glücklichen, die ihre Heimat für eine Weile hinter sich lassen, um Selbstfindung zu betreiben, haben vor diesen ersten Anforderungen vielleicht noch eine Weile Ruhe, doch spätestens wenn sie wieder da sind werden auch sie langsam aber sicher davon eingeholt.
Man beginnt also, sollte man bis dahin nicht schon einen gehabt haben, sich einen netten, aber mies bezahlten Nebenjob zu angeln. So zeigt man wenigstens erstmal, dass man aktiv ist und nicht nur dem Phänomen des nachabiturlichen "Rumhängens" nachgeht und ist nebenbei auch noch ein bisschen flüssig. Die größte Schwierigkeit liegt meiner Meinung nach allerdings in der Findung des nun richtigen Studiengangs. Viele verlassen die Schule und haben keine Ahnung wo sie sich in 10 Jahren sehen. Sprich: welchen Beruf sie dann ausüben wollen, ob sie mehr Wert auf den Verdienst oder den Spaß legen? Job oder Familie?
Bei denen heisst es nun herrauszufinden, was ihre Schwächen und was ihre Stärken sind. Andere wissen schon ganz genau was sie wollen und müssen sich nun präzise auf die Bewerbung vorbereiten. Dazu kommt noch die Frage: Kann ich mit meinem NC eigentlich diesen oder jenen Studiengang ergreifen? Wann sind die Bewerbungsfristen auf welcher Uni/Hochschule? Wo möchte ich studieren, muss ich eventuell dafür umziehen? Kann ich mir das leisten, bekomme ich Barfög? Was passiert, wenn ich nun die falsche Entscheidung treffe? Und genau da sind wir wieder an dem Punkt der einem so langsam ganz schön auf den Nerv gehenden Entscheidungen. Auf der Schule wurde einem fast jegliche Entscheidung abgenommen. Man hat gesagt bekommen was man lernen muss, welche Kurse und Fächer man belegen muss und Fristen durfte man auf keinen Fall versäumen. Wenn du verpeilst dich an einer Uni zu bewerben und du 10 Jahre nichts tust, wird dich wahrscheinlich kein Amt zwangsweise auf eine Uni stecken. Man stelle sich folgenes vor: Anstelle des Gehirns befindet sich im Kopf ein kleines nettes Büro, schön sonnig und mit Blick auf ein fernes Meer. Die kleine Sekretärin, die dort am großen hölzernen Schreibtisch sitzt, blickt verträumt hinaus und freut sich schon auf das Ufer, das auf der anderen Seite des Meeres wartet. Jedes Mal, wenn eine neue Information den Kopf betritt, ertönt ein helles blecherndes Klingeln. Die Sekretärin muss dann aufstehen und die besagte Information in eine der vielen Schubladen einsortieren. Mit der Zeit jedoch finden immer mehr Informationen den Weg in ihr Büro und die Sekretärin kommt fast gar nicht mehr hinterher. Hektisch rennt sie durch das Büro, den Arm voller blätter und ihr wird immer klarer, dass sie den Schubladen vorher hätte Nummern oder Namen geben sollen. Sie hätte sich ein System ausdenken oder um Hilfe bitten sollen. Nun, jedoch ist es zu spät. Sie kann den Blätterstapel ja nicht einfach fallen lassen, sie muss weiter sortieren und auf einen ruhigen Moment hoffen, während die blecherne Klingel unaufhörlich ihre Beine in Bewegung setzt. In ihren Augen spiegelt sich unmerklich, die Überforderung, die sie daran hindert konzentriert auf das ferne Ufer zu blicken.
Natürlich kommt jeder anders mit dieser Zeit klar, doch vielen scheint es eben so zu gehen. Plötzlich werden einem Dinge bewusst, auf die man vorher nie geachtet hat. Muss sich mit Ämtern und Planungen auseinandersetzen, die vorher wahrscheinlich andere für einen übernommen haben und muss gleichzeitig sich noch darüber im Klaren werden wie sich das Leben fortan entwickeln soll.
Bei mir ist es nun fast ein Jahr her, seit ich mein Abitur geschafft habe und jedes Mal, wenn ich mich mit Leuten aus meinem Jahrgang treffe höre ich Ähnliches. Die Zeit nach dem Abitur ist eine ganz besondere Zeit und wahrlich keine einfache. Und auch befürchte ich, dass es nicht das letzte Mal ist, dass wir uns so fühlen werden, denn diese Übergangsphasen in einen neuen Lebensabschnitt werden uns noch oft ein Post-it auf die Stirn kleben. Das Leben steckt eben voller Veränderungen und Entscheidungen, aber auch aus Herrausforderungen. Meine Zeit lief ungefähr folgender Maßen ab:
Als erstes suchte ich mir einen recht interessanten Job bei einer Serviceagentur. Wir kellnerten vor Allem in recht guten Häusern wie dem Hilton Hotel oder der Hertie School of Governance. Gleichzeitig bewarb ich mich sofort auf ein Studium zur italienischen und spanischen Philologie (Sprachwissenschaft). Der Fokus lag bei mir aber eher darauf eben nicht "rumzuhängen" und meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Es war nie der Plan dieses Studium zu beenden, wofür ich mich oft rechtfertigen musste. Da die Studiengänge sehr ähnlich und ziemlich trocken waren, habe ich nach einem Semester aufgegeben und seither nach einem Job gesucht, der mehr Geld einbringt. Mein Freund ist für diese Zeit nach Neuseeland gegangen, um dort die Schafe zu bespaßen. Um mich herrum immer wieder die Nachrichten von Mitschülern, die ihr Erststudium, so wie ich, schnell wieder abbrachen und jene beneideten, die sich zuerst aufgemacht haben Erfahrungen in der Welt zu sammeln. Bei mir spielte der Faktor auch noch eine sehr große Rolle, dass ich eigentlich auch am liebsten weggefahren wäre, aber nicht die finanziellen Mittel hatte. Man kann also wirklich sagen, dass sich viele von uns in einer Art Loch befanden, aus der Verzweiflung nicht zu wissen wohin man als nächstes gehen sollte. Es ist zum Beispiel einfacher ein Studienziel vor Augen zu haben und dafür arbeiten zu können, als sich für nichts entscheiden zu können und somit auf nichts hinarbeiten zu können. 7 Monate später trafen wir Freunde uns sogar alle, um unsere alte Schule zu besuchen, weil wir ihre Ordnung und strukturgebende Funktion so sehr vermisst haben.
Eines muss man allerdings ganz deutlich sagen: langweilig ist diese Zeit auf keinen Fall. Meine Schwester lacht immer gerne über mich, weil jedes Mal, wenn wir uns sehen, sich meine Pläne um 180°C gewendet haben. Wenn man sich erstmal aus dieser Schockstarre gelöst hat wird es sogar unheimlich spannend. Man beginnt langsam wieder all seine Chancen zu realisieren und lernt sich nicht zu beschränken, sondern auch andere Perspektiven ins Auge zu fassen. Lernt sich selber Struktur und Halt zu geben und ist auch immer mehr in der Lage die angeforderten Entscheidungen allein zu treffen.
Wichtig ist auf jeden Fall, dass man sich nicht unter Druck setzt! Egal wie sehr die Eltern oder andere Menschen einen nötigen dies oder jenes zu tun. Von nun an seid ihr für euch selbst verantwortlich. Es handelt sich jetzt um euer Leben. Wenn ihr einen Job nur deswegen erlernt, weil Mami mal gesagt hat, dass er sicherer sei, ihr aber jeden Tag mit Bauchschmerzen aufsteht, weil ihr nicht hinwollt, bringt euch das gar nichts und Mami kann da auch nicht mehr helfen. Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht, schleicht euch in verschiedene Vorlesungen der Universitäten und auf gar keinen Fall vergessen auch Ausbildungen in Erwägung zu ziehen, vor Allem für Leute, die lieber praktisch anstatt von theoretisch arbeiten. Wechselt, wenn es nötig ist, euren Studiengang und habt keine Angst vor Neuanfängen. Man muss auf wahnsinnig viel achten und hat Angst davor Zeit zu verlieren. Aber wir Leben in der Neuzeit, in der wir eigentlich nicht mehr an diese gesellschaftlichen Vorgaben gebunden sind. Bleibt einfach in Bewegung und wenn ihr halt noch nicht wisst was ihr wollt, versucht wenigstens schonmal ausschließen zu können was ihr nicht wollt, denn auch das bringt euch dem Ziel näher. Für mich heißt es jetzt erstmal weg von daheim und auf in eine Wohngemeinschaft, die erste Bewerbung an der UdK abhaken und im Sommer für ein Studium der Ägyptologie bewerben.


Wie erging es euch denn nach dem Abi? Gibt es eine bestimmte Art und Weise wie ihr mit Übergangsphasen jeglicher Art umgeht?
Jetzt hab ich aber genug gequakt, Ende des Romans.

Kommentare:

Sari hat gesagt…

Roman, das trifft es allerdings *lach* Aber es ist ja auch ein schweres Thema. Du weißt, bei mir lief es anders ab. Kein Abi, Ausbildung usw... ich hab mich damals argh vond er Berufberatung beeinflussen lassen und ja, grundsätzlich war das ja auch gut... hachja...

Bei all dem Auspribieren sollte man dennoch nicht vergessen irgendwann dann einen entgültigen Entschluss zu fassen und einen Weg zu gehen. Ich wünsche Dir, dass die aktuellen Erfolge dich dahin führen, wo du irgendwann hinkommen möchtest...

Sidonie Fine hat gesagt…

Thaha, ja es sind wirklich Gedankenströme ohne Ende, vielleicht deshalb auch nicht einwandfrei formuliert :-)

Eine Berufsberatung hat mir zum Beispiel überhaupt nicht geholfen. Natürlich sollte man so bald wie möglich etwas finden wo man dran bleiben sollte. Hauptsache man steht aber dahinter. Ich wünsche einfach jedem, dass er/sie am Ende zufrieden ist.

Mmchen hat gesagt…

Du bist also Sari's Schwester. Ich finde es super, Dich nun auch mal kennen zu lernen. Deine Schwester kenne ich ja nun schon einige Jahre sogar persönlich mit ihrer Familie.

Ich wünsche Dir für Deine Zukunft Alles Liebe. Was man sich vornimmt schafft man auch meistens. Dazu drücke ich Dir ganz fest die Daumen.

Bea hat gesagt…

Ich habe nach dem Abi keinen Studienplatz bekommen und erstmal verstärkt in meinem Nebenjob gearbeitet. Auslandserfahrungen waren aus finanziellen Gründen nicht drin.
Dann folgten 2 Monate Praktikum im Buchhandel. War nichts für mich.
3 Jahre habe ich dann studiert und 2012 abgebrochen. Seit September bin ich nun in meiner Ausbildung und fühle mich da richtig.
Manche wissen sofort was sie wollen. Andere gehen Umwege und brauchen länger um sich zu finden. Das ist auch nicht schlimm. Man ist so jung nach dem Abi, da wechseln Neigungen eben auch mal.

Alles Gute für die Zukunft!

Sinah hat gesagt…

@Bea:
Das freut mich für dich, dass du jetzt das Richtige gefunden hast!
Der einfachste Weg ist nicht immer der beste. Ich hoffe, dass es bei mir auch so sein wird :)

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